Loading...
ExistenzgründungSpam & KonsortenUnternehmensbeteiligung

Vorauszahlungsbetrug & Rip Deals – eine Übersicht

Im Rahmen der Finanzierung von Unternehmen, von der Existenzgründung über Wachstumsszenarien bis hin zu Nachfolgelösungen wurden wir häufiger mit Situationen konfrontiert, in denen angebliche Finanzierungsangebote an Mandanten herangetragen wurden, von denen sich viele dem Szenario des sogenannten Vorauszahlungsbetrugs oder auch des Rip Deals zuordnen lassen. In den an uns herangetragenen Varianten gaben sich die Vorauszahlungsbetrüger als Investoren aus, es gibt aber auch andere mögliche Szenarien, die alle nach einem ähnlichen Schema funktionieren. Mit diesem Beitrag möchten wir eine Übersicht über mögliche Varianten geben.

Vorauszahlungsbetrug

Das Betrugsszenario Vorauszahlungsbetrug ist auch unter dem Begriff Vorschussbetrug oder im Englischen als Advance-Fee Fraud bekannt. Wie der Begriff Vorauszahlungsbetrug vermuten lässt, handelt es sich dabei um ein Betrugsszenario, bei dem einem potenziellen Opfer eine attraktive Leistung, eine Auszahlung oder ein attraktives Geschäft versprochen wird. Zuvor verlangen die Vorauszahlungsbetrüger jedoch Geld, also eine Vorauszahlung. Sobald das potenzielle Opfer bezahlt, ist der Betrug vollzogen, da die Gegenleistung, z.B. das versprochene Investment oder die Auszahlung einer Erbschaft, nicht erfolgt. Die Betrüger tauchen stattdessen einfach unter.

Während wir aufgrund der Erfahrungen einiger Mandanten eher mit den Fällen konfrontiert wurden, in denen die Vorauszahlungsbetrüger vorgaben, Investoren zu sein, ist die wohl die bekannteste Variante diejenige, bei der dem potenziellen Opfer unverhofft ein großer Geldbetrag angeboten wird. Der „Klassiker“ der diesbezüglichen Spam-Mails ist die Nachricht eines angeblichen Rechtsanwalts, nachdem jemand mit den gleichen Nachnamen wie das potenzielle Betrugsopfer zwar einige Millionen auf dem Bankkonto, jedoch keinen Erben hinterlassen hätte. Der angebliche Anwalt schlägt dann vor, die Summe aufzuteilen, damit sie nicht an den Staat zurückfällt. Gerne wird dieses Szenario dann noch aufgehübscht, indem angeblich auch ein Teil der hinterlassenen Summe für karikative Zwecke gespendet werden soll.

Der Grundsätzliche Ablauf eines Vorauszahlungsbetrugs ist in der folgenden Grafik erklärt.

Grafik erstellt mit KI – ChatGPT

Unterschiedliche Szenarien

Die Grafik oben beschreibt die Variation einer Vorgeschichte mit Erbschaft. Im Gegensatz dazu waren die Szenarien, mit denen wir konfrontiert wurden darauf ausgerichtet, dass ein angeblicher Investor Interesse an einem Investment in ein Unternehmen unserer Mandanten hätte. Einen der Fälle, in denen sich die Vorauszahlungsbetrüger als Investoren ausgaben, haben wir in einem weiteren Beitrag im Detail beschrieben und auch Dokumente hinterlegt, die uns seinerzeit übermittelt wurden. Hier geht es zum Beitrag.

Es gibt also unterschiedliche Szenarien oder Geschichten, mit denen die Betrüger versuchen, ihre potenziellen Opfer dazu zu bewegen, ihnen Geld zu schicken. Denn genau deshalb nennt man diese Betrugsmasche ja Vorauszahlungsbetrug oder auch Vorschussbetrug: Mit dem Versprechen auf eine große Auszahlung sollen die potenziellen Betrugsopfer dazu bewegt werden, angebliche Notarkosten oder Gebühren zu bezahlen. Wer etwas recherchiert, findet deshalb folgende Beschreibungen von Szenarien, die zur Vorbereitung eines Vorauszahlungsbetrugs dienen:

  • Investoren: Ein angeblicher Investor bietet einem Unternehmen traumhafte Konditionen für die Finanzierung des Unternehmens an. Als Vorauszahlung sind dann angebliche Bearbeitungsgebühren, Anwalts- oder Notarkosten zu zahlen, Sicherheiten zu hinterlegen oder Zahlungen für eine angebliche Lebensversicherung zu leisten. Sobald gezahlt wird, brechen die Vorauszahlungsbetrüger den Kontakt ab.
  • Erbschaft oder Lotterie (das ist das Beispiel aus der Grafik oben): Hier soll das potenzielle Betrugsopfer zunächst Gebühren, Steuern oder Anwaltskosten zahlen, um an ein angebliches Vermögen zu kommen
  • Fake-Investments: Hier wird dem potenziellen Opfer ein lukratives Investment vorgegaukelt. Mitunter wird sogar nach der Einzahlung eines kleineren Betrags durch das potenzielle Betrugsopfer eine kleinere Summe als angebliche Dividende ausgezahlt, um das potenzielle Opfer zu einer größeren Transaktion zu bewegen. Wird gezahlt, tauchen die Betrüger unter.
  • Jobbetrug: Hier verlangt ein angeblicher Arbeitgeber Geld für Schulungen, Ausrüstung oder eine angeblich notwendige Registrierung. Sobald gezahlt wird, tauchen die Betrüger unter.
  • Online-Handel: Hier verlangen die Betrüger in der Rolle angeblicher Käufer oder Verkäufer eine Vorauszahlung. Sobald gezahlt wird, brechen die Betrüger den Kontakt ab.
  • Romance Scam: Die Betrüger bauen über längere Zeit Vertrauen auf und bitten irgendwann um Geld für einen angeblichen Notfall. Meist werden dem potenziellen Opfer angebliche Liebesgeschichten vorgegaukelt, daher der Name.
  • Behörden-/Banken-Imitation: Die Betrüger geben vor, sich im Auftrag einer Bank oder Behörde zu melden. Sie geben vor, dass eine Zahlung erforderlich sei, damit ein Konto, eine Überweisung oder eine Auszahlung freigegeben wird.
  • Recovery Scam: Nach einem ersten Betrug meldet sich jemand, der verspricht, das verlorene Geld zurückzuholen – gegen eine weitere Vorauszahlung.

Eine Sonderform nimmt der sogenannte Rip Deal ein. Die Anbahnung des vermeintlichen Geschäfts verläuft ähnlich wie beim Vorauszahlungsbetrug. Im Falle des Rip Deals wird jedoch keine Vorauszahlung verlangt. Vielmehr versuchen die Rip Dealer, das potenzielle Opfer während der vermeintlichen Transaktion zu bestehlen. Die dazu vereinbarten Termine finden grundsätzlich im Ausland statt und insbesondere Mailand und Amsterdam werden immer wieder als bevorzugte Abwicklungsorte genannt.

Im Falle des Rip Deals versuchen die Betrüger, das potenzielle Opfer zu einem vermeintlichen Geschäft mit Bargeld zu überreden. So wird zum Beispiel von den Betrügern oft vorgetäuscht, dass sie im Diamantenhandel arbeiten und deshalb viel mit Bargeld hantieren, das sich schlecht in diesen Größenordnungen auf der Bank einzahlen ließe oder das sich schlecht in andere Währungen eintauschen ließe.

Die potenziellen Opfer sind in der Regel Personen, die sehr werthaltige Gegenstände wie hochwertige Autos oder Schmuck oder aber Immobilien verkaufen wollen sowie Unternehmer, die Finanzierungen suchen. Diejenigen Personen, die werthaltige Gegenstände oder Immobilien verkaufen wollen, werden dann mit Falschgeld „bezahlt“.

Bei den angeblichen Unternehmensfinanzierungen wird meist angeboten, statt der vom Unternehmer gesuchten beispielsweise 500.000 Euro beispielsweise 600.000 Euro auszuzahlen; dies aber in einer anderen Währung, beispielsweise in Dollar. Bringt der Unternehmer dann wie vereinbart die Differenz von 100.000 Euro in bar für den angeblichen Devisentausch mit, so wird er ebenfalls mit Falschgeld bezahlt.

Das Ergebnis dieser „Transaktionen“ ist immer gleich: Das potenzielle Opfer ist sein Bargeld oder seine Wertgegenstände los und hat als „Gegenleistung“ nur Falschgeld erhalten. Auch zu diesem Szenario haben wir einen persönlichen Erfahrungsbericht hier im jhmc Magazin veröffentlicht und wir berichten, wie wir uns persönlich zu einem Anbahnungstermin mit einem Rip-Dealer getroffen haben. Hier geht es zum Bericht.

Die Abgrenzung dieser Betrugsarten ist demnach nicht immer exakt zu bestimmen, da sie sich in der Vorgehensweise stark ähneln. Die folgende Grafik gibt eine Übersicht über die häufigsten der hier beschriebenen Betrugsarten.

Grafik erstellt mit KI – ChatGPT

Warnsignale

Wann sollte man skeptisch werden? Es gibt eine ganze Reihe von Warnsignalen, die einen vorsichtig werden lassen sollten. Dies insbesondere, wenn gleich mehrere dieser Punkte zutreffen.

Zunächst sollte man skeptisch werden, wenn die Identität des Gegenübers nicht eindeutig zu klären ist. Die Täter agieren aus dem Ausland, da dies die Rechtsverfolgung erschwert. Außerdem gibt es keine aussagekräftigen Profile im Internet und man kann die verwendeten Namen deshalb nicht in den einschlägigen Suchmaschinen finden bzw. die Namen werden von prominenten „Namensvettern“ in den Suchergebnissen überlagert. Weiter benutzen sie Prepaid-Handys und E-Mail-Adressen, die man kostenlos bei einschlägigen Anbietern einrichten kann, da diese keiner Person eindeutig zugeordnet werden können. Auch dazu haben wir bereits einmal berichtet. Hier geht es zum Beitrag.

Geht alles zu einfach, lockt man mit einem ungewöhnlich hohen Gewinn oder einer großen Auszahlung, dann ist Vorsicht geboten. Auch ganz problemlose Angebote von Darlehen oder Investitionen zu geradezu traumhaften Konditionen ohne nähere Prüfung sind sicherlich kein seriöses Angebot. Und auf Bargeschäfte an irgendwelchen dunklen Ecken in Amsterdam oder Mailand sollte man sich sicherlich auch nicht einlassen, wenn man Wertgegenstände veräußern möchte. Seriöses Beteiligungskapital gibt es nicht an zwielichtigen Treffpunkten und auch nicht mit einem schnellen Darlehensvertrag ohne intensive Prüfung des Investitionsvorhabens. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein entfernter Verwandter, von dem man nichts wusste oder ein Namensvetter ohne Erben auftaucht und ein Anwalt aus dem Ausland jemandem mehrere Millionen Euro oder Dollar unverhofft andient, dürfte ebenfalls gegen Null gehen.

Wird eine Vorauszahlung verlangt, dann kann man sicher sein, dass es sich um einen Vorauszahlungsbetrug handelt. Oft wird dann auch Zeitdruck erzeugt, denn der angebliche Investor behauptet, dass auch mit anderen Interessenten über das angebliche Darlehen verhandelt würde und man nun schnell handeln müsse, um das Geschäft abzuschließen. Oder der angebliche Anwalt behauptet, dass der Anspruch auf die angeblichen Millionen verfällt, wenn nicht sofort irgendeine Gebühr bezahlt wird. Weiter gibt es angebliche Gebühren, Steuern oder Freischaltkosten, die dringend bezahlt werden müssen. Angebliche Notargebühren, die Hinterlegung einer Sicherheit, eine Lebensversicherung, die das Investment für den angeblichen Investor absichern soll, Anwaltsgebühren – die Liste ist so lang wie der Einfallsreichtum der Vorauszahlungsbetrüger. Und gerne wird nach der ersten Zahlung dann auch noch eine weitere Zahlung verlangt, die das potenzielle Opfer dann hoffentlich leistet, um an die vermeintlichen Millionen zu kommen.

Die Zahlung soll in der Regel auf ein Konto im Ausland erfolgen. Gerne leiten die Vorauszahlungsbetrüger das Geld dann über weitere Konten in unterschiedlichen Ländern weiter, bis es auf dem endgültigen Konto der Betrüger landet. Denn je mehr Landesgrenzen im Weg sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass das potenzielle Opfer sein Geld zurückbekommt. Weitere Möglichkeiten von Geldflüssen bei Szenarien des Vorauszahlungsbetrugs sind ungewöhnliche Zahlungsweisen über Bargeldtransferdienste wie Western Union oder MoneyGram, Kryptowährungen oder Gutscheinkarten von Anbietern wie Amazon, Steam, iTunes oder Google Play, aber auch von Prepaid-Diensten wie Paysafecard.

Der Geldfluss beim Vorauszahlungsbetrug

Vorauszahlungsbetrüger sind Betrüger und sie möchten natürlich nicht, dass man ihnen auf die Schliche kommt oder das Geld zurückholen kann. Deshalb verwenden sie die oben beschriebenen ungewöhnlichen Zahlungswege bzw. sie nutzen Konten im Ausland, bei denen das Geld mehrfach transferiert wird, bis es auf dm Konto des eigentlichen Empfängers landet. Immer geht es darum, unerkannt zu bleiben und das Geld auf jeden Fall zu behalten. Gleichzeitig wird die Rechtsverfolgung faktisch unmöglich gemacht.

Mitunter schalten die Betrüger auch Finanzagenten zur Geldwäsche ein. Dabei geht die Überweisung auf das Konto einer oft ahnungslosen Privatperson in Deutschland, die zuvor als „Finanzagent“ oder „Produkttester“ angeworben wurde. Diese Person hebt das Geld sofort bar ab und leitet es per Bargeldtransfer ins Ausland weiter. Wenn es um die Verschleierung der Geldflüsse geht, sind die Vorauszahlungsbetrüger demnach ebenso kreativ wie bei den Geschichten, die sie ihren potenziellen Opfern bei der Anbahnung des Vorauszahlungsbetrugs auftischen oder bei der Erfindung der angeblich erforderlichen Gründe für die Vorauszahlung, die den Betrug erst möglich macht.

Die möglichen Geldflüsse haben wir in der folgenden Grafik zusammengefasst.

Grafik erstellt mit KI – ChatGPT

Handlungsempfehlungen

Was kann man tun, wenn man das Gefühl hat, in das Visier von Vorauszahlungsbetrügern geraten zu sein? Eigentlich ist es ganz einfach: Sofort den Kontakt abbrechen. Die E-Mail des angeblichen Anwalts mit der angeblichen Millionenerbschaft gehört in den Papierkorb oder den Spam-Ordner. Und ein angeblicher Investor, der ohne Prüfung Darlehen oder Beteiligungskapital zu geradezu lächerlichen Konditionen anbietet sollte einem ebenso suspekt sein wie der angebliche Diamantenhändler, der einen zum Bargeschäft an fragwürdigen Locations überreden möchte.

Niemals zahlen. Egal, welche Gebühr angeblich fällig ist, um an die angebliche Erbschaft zu gelangen und egal, was die Betrüger zu benötigen behaupten, damit sie das angebliche Darlehen auszahlen: Zahlen Sie niemals diese angeblichen Gebühren, Notarkosten, Lebensversicherungen oder was den Betrügern sonst noch an Begründungen einfällt. Sobald das potenzielle Opfer bezahlt, ist der Betrug vollzogen und das gezahlte Geld ist unwiederbringlich verloren.

Bilder: Pixabay – Grafiken: Erzeugt mit ChatGPT