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AnekdotenExistenzgründungUnternehmensbeteiligung

Heiße Luft im Social Web

In den Jahren, in denen es die Jörg Haupt Management Consulting gibt, habe ich manch merkwürdigen Termin erlebt. Vor allem, wenn es um das Thema Beteiligungskapital geht, entpuppten sich zunächst ganz interessant scheinende Geschäftsideen bei genauerer Analyse oftmals als Luftnummern. Doch das, was man uns kürzlich vorstellte, stellt alle bislang dagewesenen Merkwürdigkeiten glatt in den Schatten. Der folgende Bericht zeigt, wie man eine gute Geschäftsidee für den Beteiligungskapitalmarkt vollständig ruinieren kann.

Über einen Kollegen aus meinem Netzwerk erhielt ich Kenntnis über ein Projekt, das man den Themenkomplexen Social Media und Entertainment zuordnen kann. Der Kollege hatte das Projekt wiederum von einem Bekannten vorgestellt bekommen.

Wir erhielten eine Summary mit einer Projektbeschreibung, die das Projekt in einem sehr interessanten Licht erscheinen ließ. Würde das Projekt umgesetzt, so träfe man den Zeitgeist und würde sich zudem eine sehr interessante Wertschöpfungskette erschließen können. Auch die Summary machte einen ordentlichen Eindruck. Wir vereinbarten also einen Termin mit dem Management-Team.

Der Zufall wollte es, dass kurz vor dem Termin der Venture Capital Stammtisch in Düsseldorf stattfand. Also habe ich einfach einmal bei einem mir gut bekannten Beteiligungsmanager angefragt, wie seine Venture Capital Gesellschaft grundsätzlich das Geschäftsmodell des Projektes einschätzen würde. Das Feedback war, dass ich das Projekt auf jeden Fall vorstellen sollte, wenn ich den Auftrag bekäme.

Im Vorfeld des Termins mit den Projekt-Initiatoren gab es allerdings bereits eine erste Irritation. Wir, also der Kollege und ich, sollten nämlich eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Nun ist das natürlich grundsätzlich kein Problem. Die Vertraulichkeitserklärung der Projekt-Initiatoren enthielt jedoch eine strafbewehrte Unterlassungserklärung. Schlappe 5 Mio. € pro Fall sollte man zahlen, wenn man denn gegen die Verschwiegenheitserklärung verstoßen würde.

Nun ist es allerdings so, dass die Vermittlung von Beteiligungskapital nur dann funktioniert, wenn man in seinem Netzwerk auch mal mit dem ein oder anderen Kollegen oder auch Beteiligungsmanager sprechen darf. Außerdem bekommen sowohl wir Berater als auch die Venture Capital Gesellschaften derart viele Businesspläne und Geschäftsmodelle auf den Tisch, dass eine mit einer Vertragsstrafe von 5 Mio. € bewehrte Verschwiegenheitserklärung quasi einem Berufsverbot gleichkommt.

Aber gut, es kam dann ohne Unterzeichnung einer Verschwiegenheitserklärung zu einem Termin in Düsseldorf. Wir besprachen uns ungefähr eine Stunde mit den Gründern und gingen dann auseinander mit der Vereinbarung, ein Angebot bezüglich der Akquise von Beteiligungskapital vorzulegen. Ich persönlich habe den Termin auch als durchaus angenehm empfunden. Einige Tage später gab ich dann ein Angebot ab.

Doch was war das? Über meinen Kollegen erfuhr ich, dass sich die Projekt-Initiatoren bei seinem Bekannten über uns beschwert hätten. In einer mir vorliegenden E-Mail wurde dem Kollegen und mir vorgeworfen, dass wir nicht seriös seien.

Nun ist es natürlich eine Sache, mit vorgeschlagenen Konditionen nicht einverstanden zu sein. Eine ganz andere Sache ist es, sich gegenüber Dritten in geradezu ehrverletzender Weise über jemanden zu äußern. So war in der E-Mail zu lesen, ich wäre bei dem Treffen bezüglich des Geschäftsmodells „fast euphorisch“ gewesen. Weiter hieß es, man würde annehmen, dass ich den Projekt-Initiatoren meine „Überzeugung“ nur vorgespielt hätte, um an ein monatliches Salär zu kommen.

Na ja, interessant. Offenbar können sich unsere lieben Projekt-Initiatoren also nicht benehmen. Weiter hieß es dann, dass die Referenzen auf unserer Webseite einen Außenstehenden nicht überzeugen würden, da ja keine Firmennamen oder Empfehlungsschreiben angegeben würden. Hier wird es nun erstmals richtig interessant. Denn selbstverständlich sind auf meiner Webseite Referenzen auch namentlich angegeben. Weiter hatte ich angeboten, dass man sich mit der Realpulse GmbH kurzschließen könne, da sich dieses Unternehmen in einem vergleichbaren Marktumfeld bewegen würde. Konkret hatten wir ca. 10 Minuten über das Projekt Realpulse gesprochen.

Wenn nun aber einer der beiden bei dem Termin anwesenden Projekt-Initiatoren einem Elefanten im Porzellanladen gleich behauptet, wir würden nicht einmal Referenzen nennen, so fragt man sich doch, warum er das macht. Eigentlich gibt es nur zwei Erklärungen:

  1. Er kann weder zuhören noch sinnverstehend lesen. Dann ist er offensichtlich intellektuell nicht in der Lage, ein solches Projekt in die Wege zu leiten.
  2. Er hat bewusst gelogen. Dann ist er unseriös und dann kommt eine Akquise von Beteiligungskapital durch die Jörg Haupt Management Consulting natürlich ebenfalls nicht in Frage.

Ergo hakte ich das Projekt in Kenntnis der E-Mail ab.

Doch dann passierte etwas Unerwartetes. Der mir gut bekannte Beteiligungsmanager rief mich an und fragte mich, was denn aus dem Projekt geworden wäre, das ich ihm auf dem Venture Capital Stammtisch vorgestellt hätte. Diplomatisch sagte ich, dass wir keinen Auftrag hätten.

Mittlerweile war seit dem Venture Capital Stammtisch ein Monat vergangen. Da der Venture Capital Stammtisch monatlich stattfindet, unterhielt ich mich also bei entsprechender Gelegenheit erneut mit dem mir bekannten Beteiligungsmanager über das Projekt. Ich legte dar, dass sich die beiden Projekt-Initiatoren wie die offene Hose benommen hätten und wir deshalb von einer weiteren Bearbeitung des Projektes absehen wollten. Gleichzeitig waren wir uns mit dem Beteiligungsmanager aber einig, dass die Geschäftsidee hochinteressant wäre. Also kamen wir zwischen Tür und Angel überein, dass wir den Gründern einmal richtig auf den Zahn fühlen wollten. Der Kollege und ich erklärten uns bereit, auf eigenes Risiko einen weiteren Termin wahrzunehmen. Ziel sollte es sein herauszufinden, ob tatsächlich eine ernst gemeinte Geschäftsidee hinter dem Management-Team steht.

Wir gingen so vor, dass nun der Kollege nicht den – nennen wir ihn mal den Elefanten im Porzellanladen – kontaktieren sollte. Vielmehr rief der Kollege den zweiten der beiden Gründer an, einen Steuerberater aus Bremerhaven. Von diesem erfuhren wir dann, dass das Management-Team noch weitere Mitglieder hat. Das geplante Internet-Portal könne man sich samt der restlichen Technik in der Nähe von Frankfurt ansehen.

Also fuhren wir am 14.11.2011 nach Bad Nauheim, um das gesamte Management-Team und auch die gesamte Technik kennenzulernen. Und dieser Termin war dann ganz großes Kino und richtig gute Comedy.

Als wir in Bad Nauheim eintrafen, war zunächst nur eine Person anwesend. Nach und nach trudelte das restliche Team ein. Das Ambiente war nett – man residierte in einer ansehnlichen Villa, wo die uns empfangende Person einen Büroraum mit einem eigenen Unternehmen belegte. Uns wurde gesagt, dass alle Mitglieder des Management-Teams eigene Unternehmen besäßen.

Insgesamt waren dann fünf Personen anwesend, von denen nur eine Person höflich genug war, uns auch eine Visitenkarte vorzulegen. Gut, zugegeben: Die Visitenkarten der beiden Gründer, die ich beim ersten Termin kennengelernt hatte, hatte ich zwischenzeitlich bereits weggeschmissen. 😉

Als letzter der fünf Gründer kam ein Herr in den Raum, der sich als Amerikaner ausgab und der seiner Rolle entsprechend viele Anglizismen benutzte. Der Bekannte meines Kollegen, der uns das Projekt seinerzeit vorgestellt hatte behauptete kürzlich, der Amerikaner würde sechs Sprachen sprechen. Nun ja, den vielen Anglizismen nach zu urteilen spricht er die Sprachen alle gleichzeitig. Aber kein Thema, das kann ich auch. Auch ich spreche fließend Esperanto. Es kommt nur auf die richtige Mischung von Füchschen Alt und Killepitsch an. 😉

Der Amerikaner ist übrigens so wichtig, dass er auf seiner Webseite nicht einmal Kontaktdaten hat. Dafür ist er auf einem Foto als sein eigenes Nackt-Model zu sehen. Außerdem braucht er vermutlich keine Adresse, da er ja laut eigener Aussage zwischen Zürich, Frankfurt, Lugano und New York ständig hin und her pendelt.

Nun scheint unser Amerikaner zwar keinen festen Wohnsitz, dafür aber einen tollen Anzug zu besitzen – den man übrigens ebenfalls auf einem der Mode-Fotos der ominösen Webseite bewundern kann. In seiner mit Anglizismen versetzten Selbstbeweihräucherung strotzte er nur so mit großen Namen. Elton John und Chris de Burgh, die er natürlich alle persönlich kennt, waren ebenso wie Rothschild total von dem Projekt begeistert. Auch Warner-Chappell wurde das Projekt natürlich bereits auf höchster Ebene vorgestellt und natürlich war man dort Feuer und Flamme und wartete nur darauf, dass unsere fleißigen Gründer doch bitte endlich loslegen würden.

Auch unser Amerikaner war nach eigener Darstellung trotz des offenbar fehlenden festen Wohnsitzes unermesslich reich, was natürlich sofort erklärt, weshalb unsere Initiatoren noch Beteiligungskapital suchen. Und die im Zusammenhang mit dem Projekt zu gründende Gesellschaft wird natürlich offshore gegründet, da Deutschland ja eh viel zu kleinkariert ist. Unter anderem wurde „BVI“ (von unserem Amerikaner natürlich „BiehWiehEi“ ausgesprochen) – die British Virgin Islands – als ersehnter Standort des zukünftigen Welt-Unternehmens auserkoren.

Ne, ist klar: Eine deutsche Venture Capital Gesellschaft wird sicherlich in ein Unternehmen investieren, das seinen Sitz an einem windigen und für seine Briefkastenfirmen bekannten Betrügerparadies hat. Keine Frage, diese Gründer haben doch irgendwas geraucht.

Zwischenzeitlich war dann ein weiteres Mitglied des Management-Teams dazu gekommen. Oder auch nicht, denn so genau weiß man das bei diesem „Projekt“ nicht. Vorgestellt hat er sich nicht und eine Visitenkarte hatte er auch nicht. Dafür klaute er die Print-Version der Summary aus meinen Unterlagen. Gott sei Dank: Meine Brieftasche war nach dem Termin zum Glück noch da. Selbstverständlich ist das nicht, denn der wohnsitzlose Amerikaner klaute derweil die Printversion des Businessplans aus den Unterlagen meines Kollegen.

Auch wurde sich nicht so genau geäußert, ob dieser neu erschienene werte Herr nun Anteile an dem Unternehmen hat oder nicht. Andererseits enthielt die weiter oben zitierte E-Mail die Aussage, dass man am „vergangenen Wochenende“ einen Investor gefunden hätte, so dass das Projekt bis Februar 2012 fertig programmiert werden könne. Dazu passt natürlich die im Termin in Bad Nauheim getroffene Aussage nicht, dass man einen Investor suchen würde, um das Projekt fertig zu programmieren. Auch fragt man sich, weshalb man denn einen Investor sucht, wenn der Amerikaner ohne festen Wohnsitz denn so reich sein möchte. Fraglich ist ebenso, weshalb Elton John oder Rothschild denn nicht die paar Euro aufbringen, wenn das Projekt doch so überzeugend ist.

Im Übrigen hatte der Steuerberater aus Bremerhaven gegenüber meinem Kollegen bereits erwähnt, dass eben kein Investor gefunden worden wäre. Hier stellt sich doch die Frage, ob der Steuerberater eigentlich seine Lizenz nicht mehr braucht, dass er sich mit solch einem windigen Mist abgibt. Na ja, vielleicht hat er ja Spielschulden? Wer weiß das schon? Oder er ist völlig inkompetent, denn er hat sehr fleißig mitgeschrieben als wir erklärten, was alles in eine Planungsrechnung gehört.

Die versprochene Technik haben wir übrigens ebenfalls nicht gesehen. Dafür hat man uns die uns eh schon bekannte Webseite gezeigt und erklärt, wie man auf ihr navigiert. Gut zu wissen, denn ich habe ja zum ersten Mal eine Webseite gesehen. Und solch einen YouTube-Klon kann ja auch jeder drittklassige Webdesigner aus einem beliebigen Open-Source-Content-Management-System zusammenkloppen.

Auch die Technik konnte demnach nicht überzeugen. Denn ein Video, das auf einer Webseite abgespielt wird, beeindruckt mich ebenso nachhaltig wie die Anglizismen unseres wohnsitzlosen Amerikaners.

Derweil pöbelte der Elefant im Porzellanladen rum, als ich erklärte, wie ein Beteiligungsprozess grundsätzlich funktioniert. Lauthals explodierend nörgelte er, dass es ja unmöglich sei, dass alles immer nach dem Willen der Investoren ginge. Gut, damit offenbarte er endgültig, dass er nicht zuhören kann oder will. Aber um Sachlichkeit ging es bei dem Klamauk, den man uns hier vorführte ja schließlich auch nicht.

Interessant war auch ein weiteres Detail: Man erklärte uns, dass man Berater wie uns gleich dutzendweise hätte. Man könne quasi mit Beteiligungskapital nur so zugeschüttet werden. Deshalb wolle man uns auch nicht monatlich vergüten. Vielmehr bot man uns eine Provision an, die man auch bei ca. 10% des eingeworbenen Kapitals ansiedeln könne. Unseren Einwand, dass in den meisten uns bekannten Beteiligungsverträgen vermerkt ist, dass das eingeworbene Kapital nicht zur Begleichung alter Berater-Rechnungen bzw. der sogenannten Finder’s Fee verwendet werden soll, hat der wohnsitzlose Amerikaner glatt überhört.

Statt dessen pöbelte er rum, dass er garantiere, dass aus dem eingeworbenen Kapital zuerst unsere Rechnung bezahlt werden solle. Gut, damit garantiert er uns, dass er den Investor bescheissen wird. Ergo garantiere ich, dass der wohnsitzlose Amerikaner und auch das restliche Management-Team nicht seriös ist.

Die Diskussion um mögliche und unmögliche Honorare nutzte ich dann, um das Gespräch zu beenden. Ich klappte meine Unterlagen zu und stand einfach auf. Der Elefant im Porzellanladen blökte mich daraufhin an, dass dies nun mein zweiter Fehler sei. Auch gut, obwohl ich bislang nicht rausgefunden habe, was mein erster Fehler gewesen sein könnte.

Der wohnsitzlose Amerikaner folgte meinem Kollegen und mir dann noch in den Flur, wo er uns dann doch noch seine Visitenkarten aushändigte und uns bat, dass wir uns doch noch überlegen sollten, für sein Projekt Kapital zu akquirieren. Dafür erhöhte er sein Provisionsangebot auf atemberaubende 12% des eingeworbenen Kapitals. Wir erläuterten, dass das Projekt nicht interessant für uns sei. Daraufhin forderte er seine Visitenkarten wieder zurück. Übrigens: Auch auf den Visitenkarten war keine Adresse vermerkt. Der Amerikaner scheint demnach tatsächlich keinen Wohnsitz zu haben.

So, und was lernen wir daraus? Ganz einfach: Ein seriöses Projekt hätte sich niemals derartig dargestellt. Wir vermuten, dass es eigentlich darum geht, unbedarfte Zeitgenossen mit großen Namen, einer schönen Idee und vielen Anglizismen zu beeindrucken um ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen, das man dann auf den British Virgin Islands vertrinkt. Unserem gut bekannten und zunächst interessierten Beteiligungsmanager teilten wir indes mit, dass wir nach dieser auf unsere Kosten durchgeführten Due Diligence dringend von einer weiteren Bearbeitung des Projektes abraten.

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